Nutzung, Bauzeit:
Städtebauliche Situation, Nachbargebäude:
Geschossigkeit und Dachform:
Baukörpergestaltung:
Bezug von Baukörper und Dachform zur Umgebung:
Fassadengestaltung:
Detaillierung:
Materialien und Farbgebung:
Bezug der Materialien und Fassadengestaltung zur Umgebung:
Abschließende Bewertung: -
Die Kemenate an der Hagenbrücke ist das in der Stadt bekannteste Baudenkmal dieser Art. Sie befand sich vor den Zerstörungen des Zweiten Weltkrieges hinter dem Fachwerkhaus Hagenbrücke 4 in einer geschlossenen Hofsituation. Als eine der wenigen Kemenaten Braunschweigs wurde das Gebäude 1948-50 wiederhergestellt und in den vergangenen Jahrzehnten zu Wohnzwecken und schließlich als Ausstellungsgebäude genutzt. Zuletzt diente es als Künstleratelier. Mit dem Übergang des Gebäudes in das Eigentum einer Stiftung im Jahr 2012 wurde ein neues Kapitel in seiner Geschichte aufgeschlagen. Das Bauwerk wird nun in gleichem Sinne wie die Jakob-Kemenate für kulturelle Zwecke genutzt und ist der Öffentlichkeit zugänglich. Zu diesem Zweck wurde das mittelalterliche Steinwerk aus dem 13. Jahrhundert im Jahr 2014 saniert und baulich erweitert. Dies gestaltete sich hier ungleich schwieriger als bei der 2006 fertiggestellten Jakob-Kemenate. Da der Standort des ursprünglichen Vorderhauses von den nördlichen Fahrspuren der nach 1945 stark aufgeweiteten Hagenbrücke eingenommen wird, verblieb nur die Möglichkeit eines nordostseitigen Anbaus. Daher musste der Vorhof mit seiner umlaufenden Bruchsteinmauer teilweise überbaut werden. Im Ostteil des Vorhofes besteht eine eingeschossige Überdachung, die den Eingangsbereich beinhaltet. Sie ist zum Hof hin vollständig verglast. An und über der nördlichen Hofmauer ist der eigentliche Erweiterungsbau angesetzt, welcher den Nordgiebel der Kemenate umfasst. Auch hier ist das Erdgeschoss mit einer Glasfassade zum Hof geöffnet. Im Kontrast dazu zeigt sich das Obergeschoss, das als geschlossener Baukörper über Hof und Mauer liegt. Der riegelartige, skulptural erscheinende Kubus des Obergeschosses ist mit Glasfugen sowohl von der Mauerkrone als auch von der Kemenate abgesetzt und wird von Innenstützen getragen. Er kragt ost- und nordseitig über die Bruchsteinmauer aus, seine flache Bedachung steigt nach Westen zur Kemenate hin leicht an. Die geschlossene Hülle ist lediglich an den Schmalseiten geöffnet, wobei nach Osten hin, mit Blick auf St. Katharinen, ein großes quadratisches Panoramafenster angelegt ist. Der Anbau birgt nun auch die Zugänge in die Kemenate, wobei derjenige im Erdgeschoss einen Wanddurchbruch erforderte. Die baulichen Ergänzungen zeigen eine Materialität, die an das Ensemble der Jakob-Kemenate anknüpft. Die geschlossenen Wandflächen und Dächer, vor allem der leicht keilförmige Riegel des Obergeschosses, sind mit Cortenstahl verkleidet. Dabei sind die Eingangsüberdachung und das Obergeschoss gestalterisch zusammengebunden, ostseitige Dachkante und rahmenartige Einfassung des Panoramafensters bilden eine gemeinsame Figur. Cortenstahl wird bereits mit angerosteten, witterungsresistenten Oberflächen produziert und mit seiner Patina aus gestalterischen Gründen bewusst in der Architektur verwendet. Der Hof zeigt eine an japanischen Gärten orientierte, minimalistische Freiraumgestaltung und wird so als Freiluftausstellung für Plastiken mitgenutzt.
Der Erweiterungsbau der Kemenate erscheint für die meisten Betrachter gewöhnungsbedürftig. Befindet sich der Cortenstahlanbau der Jakob-Kemenate abseits der frequentierten Verkehrswege, fällt er neben der Kemenate Hagenbrücke unmittelbar ins Auge. Zudem verdeckt er das historische Gebäude in der Ansicht vom Fußgängerweg an der Nordseite der Hagenbrücke weitgehend. Das Material und die scheinbar schwer über dem Ensemble lastende, quaderartige Figur des geschlossenen oberen Stockwerks regen zum Widerspruch an.
Insgesamt ist die Erschließung des Baudenkmals für die Öffentlichkeit und die damit verbundene Erweiterung als positiv zu bewerten. Bislang war das Bauwerk mit seinen minimalen Grundrissflächen nur eingeschränkt nutzbar. Sanierung und bauliche Ergänzung ermöglichen nunmehr eine dauerhafte öffentliche Nutzung. Die Erweiterungsbauten fassen den kleinen Hof ein und schaffen eine eigene Welt mit erstaunlicher Aufenthaltsqualität auf kleinstem Raum. Material- und Formensprache verbinden die Kemenate Hagenbrücke mit der von den gleichen Bauherren und Architekten sanierten und erweiterten Jakob-Kemenate.
Die Architektur der Ergänzung erscheint jedoch zu dominant. Die kompakte, schwer lastende Bauform des Riegels wird dem von der Kemenate vorgegebenen Maßstab nicht gerecht. Eine filigrane Fassadengestaltung auch des schwebenden Obergeschosses – eine moderne Interpretation des hier einst vorherrschenden Fachwerkbaus - hätte hier zu einer glücklicheren Lösung führen können.